October 5, 2026
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Ein Kreuzbandriss verändert oft von einem Moment auf den anderen den sportlichen Alltag. Nach der Diagnose stellt sich oft die Frage, ob operiert werden soll oder nicht. Dabei sind die Wochen davor ebenfalls von großer Bedeutung für das Gelingen der Rehabilitation. In diesem ersten Teil unserer Reihe „Let's Talk Kreuzband“ schauen wir uns an, wie die Entscheidung getroffen werden kann, ob eine Operation Sinn macht oder nicht, wie eine gute Vorbereitung auf die Kreuzband-OP aussehen kann und worauf es bei der Wahl des Transplantats ankommt.
Zwischen der Diagnose und dem Operationstermin liegen häufig einige Wochen. Diese Zeit lässt sich sinnvoll nutzen. Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt, dass die Kraft und Funktion des Knies vor der Operation einen Einfluss darauf haben können, wie gut die Reha danach verläuft (Giesche et al., 2020). Wer sein Knie also schon vor der OP gezielt trainiert, schafft eine bessere Ausgangslage für die Zeit danach.
Für das gezielte Training vor einer Operation gibt es einen Fachbegriff, die Prehabilitation. Gemeint ist damit die aktive Vorbereitung des Körpers auf den bevorstehenden Eingriff, meist durch Physiotherapie und individuelles Training. Ziel ist es, Kraft, Beweglichkeit und Koordination im Knie so weit wie möglich zu erhalten oder sogar zu verbessern, bevor operiert wird. Viele Studien, darunter bspw. die Untersuchung von Kim, Hwang und Park (2015), kommen zu dem Ergebnis, dass Patientinnen und Patienten mit einem Rehabilitationsprogramm vor der Kreuzband-OP nach der Operation teils eine bessere Kraft und Sprungleistung im operierten Bein zeigten als jene ohne gezielte Vorbereitung. Dies ist relevant, da insbesondere die Kraft ein wichtiger Rehabilitationsfaktor bereits bei der Rückkehr zu Aktivitäten des alltäglichen Lebens spielt und die Sprungfähigkeit später einer der wichtigsten Faktoren für die Rückkehr zum Sport darstellt. Die erstgenannte Übersichtsarbeit von Giesche und Kollegen (2020) fasst unter anderem diesbezüglich mehrere Studien zusammen und kommt zu dem Entschluss, dass Patientinnen und Patienten, die ein Prehabilitationsprogramm durchlaufen sind, früher in den Sport zurückkehren als jene, die ein solches Programm nicht durchlaufen sind.
Typische Übungen vor der Kreuzband-OP orientieren sich an deinem Ausgangszustand und werden individuell abgestimmt. Im Mittelpunkt stehen dabei üblicherweise:
Die Intensität des Trainings hängt vom Zustand des Knies, der bisherigen sportlichen Aktivität und damit der individuellen Belastbarkeit ab. Eine optimale Abstimmung zwischen Physiotherapie, Sportwissenschaft und ärztlicher Seite ist dabei optimal.
Nicht jeder Kreuzbandriss muss zwangsläufig operiert werden. Ob eine Operation sinnvoll ist oder eine konservative Therapie ohne Operation ausreicht, hängt von mehreren individuellen Voraussetzungen ab.
Zwei der wichtigsten Faktoren sind das Alter und das Ausmaß der sportlichen Aktivität. Also wie wichtig es dir ist, nach der Verletzung weiterhin aktiv Sport zu treiben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Instabilitätsgefühl im Knie. Oder anders gesagt: Wie wackelig oder unsicher sich das Gelenk ohne Kreuzband anfühlt und wie gut du dich im Alltag oder in sportlichen Situationen an diese veränderte Situation gewöhnen kannst.
In der Forschung wird die konservative Therapie in den letzten Jahren verstärkt untersucht. Die bisher aussagekräftigste Untersuchung zu diesem Thema, das KANON-Trial, hat hierbei erste interessante Daten hervorgebracht. Konservativ behandelte Patientinnen und Patienten zeigten ähnlich gute, teils sogar etwas bessere Werte bei der selbstberichteten Kniegesundheit und gesundheitsbezogenen Lebensqualität als Operierte, wobei diese Unterschiede statistisch nicht eindeutig abgesichert waren (Frobell et al., 2010, Frobell et al., 2013). Eine sekundäre Analyse dieser Daten durch eine weitere Forschungsgruppe zeigte zudem, dass es bei dem gerissenen Kreuzband bei ca. ein Drittel der konservattiv behandelten Patienten zu einer spontanen Heilung gekommen ist (Filbay et al., 2023). Allerdings steckt dieses Forschungsgebiet noch in den Kinderschuhen, weshalb es noch keine klare, belastbare Antwort auf die Frage gibt, welche der beiden Methoden grundsätzlich vorzuziehen ist.
In der Praxis wird bei jungen, sportlich sehr aktiven Menschen daher weiterhin häufig zur Operation geraten, da mit dieser Methode über viele Jahre hinweg gute Erfahrungen gesammelt wurden. Zwar kann hier ebenfalls eine konservative Therapie versucht werden, jedoch wird diese eher für andere Patientengruppen, je nach individueller Situation, eine sinnvolle Option sein. Welcher Weg im Einzelfall passt, wird am besten gemeinsam mit dem behandelnden Team besprochen.
Neben der Vorbereitung stellt sich vor der Operation auch die Frage, welches Gewebe als Ersatz für das gerissene Kreuzband verwendet wird. Dabei geht es um das sogenannte Transplantat. In Deutschland kommen dafür meist körpereigene Sehnen zum Einsatz. Bei dieser Transplantatwahl bringen die gängigsten Optionen jeweils eigene Vor- und Nachteile mit (Cerulli et al., 2013):
Diese Sehne ist besonders reißfest und wächst gut in den Knochen ein. Nach der Entnahme kann die Muskulatur rund um die Kniescheibe für eine Weile etwas geschwächt sein und gelegentlich treten vorübergehend Schmerzen im vorderen Knie auf.
In Deutschland wird hier am häufigsten die Sehne des M. semitendinosus genommen. Allerdings gibt es neben der Semitendinosussehne alleine weitere Möglichkeiten, wie z.B. die Kombination aus er Semitendinosussehne und weiteren Sehnen.
Auch diese Sehnen sind reißfest und ermöglichen häufig eine gute Rückkehr zur früheren Belastbarkeit des Knies. Sie brauchen allerdings etwas länger, um vollständig in den Knochen einzuwachsen, weshalb die Belastung anfangs vorsichtiger gesteigert wird.
Diese Option schont die Kniescheibensehne und geht meist mit vergleichsweise wenig Schmerzen im vorderen Knie einher. Da sie seltener verwendet wird, gibt es bislang weniger Langzeitstudien dazu als zu den beiden anderen Optionen.
Seltener kommen auch Spendersehnen, sogenannte Allografts, oder eine zusätzliche innere Bandschiene zum Einsatz, meist nur in bestimmten Situationen, zum Beispiel bei einer erneuten Operation. Welches Transplantat im Einzelfall am besten passt, hängt unter anderem vom Alter, der sportlichen Aktivität und den individuellen anatomischen Voraussetzungen ab und wird gemeinsam mit dem behandelnden Team entschieden.
Die Wochen vor einer Kreuzband-OP sind keine reine Wartezeit, sondern eine echte Chance, den Grundstein für eine erfolgreiche Reha zu legen. Gezieltes Training im Rahmen der Prehabilitation kann die Ausgangslage verbessern und ein Gespräch über die passende Transplantatwahl hilft, gut informiert in die Operation zu gehen. Im nächsten Teil unserer Reihe Let's Talk Kreuzband schauen wir uns an, worauf es in der Frühphase nach der Operation ankommt.
Quellen
Cerulli, G., Placella, G., Sebastiani, E. et al. (2013). ACL Reconstruction: Choosing the Graft. Joints.;1(1):18-24. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4295687
Filbay, S. R., Roemer, F. W., Lohmander, L. S., Turkiewicz, A., Roos, E. M., Frobell, R., & Englund, M. (2023). Evidence of ACL healing on MRI following ACL rupture treated with rehabilitation alone may be associated with better patient-reported outcomes: a secondary analysis from the KANON trial. British journal of sports medicine, 57(2), 91–98. https://doi.org/10.1136/bjsports-2022-105473
Frobell, R. B., Roos, E. M., Roos, H. P., Ranstam, J., & Lohmander, L. S. (2010). A randomized trial of treatment for acute anterior cruciate ligament tears. The New England journal of medicine, 363(4), 331–342. https://doi.org/10.1056/NEJMoa0907797
Frobell, R. B., Roos, H. P., Roos, E. M., Roemer, F. W., Ranstam, J., & Lohmander, L. S. (2013). Treatment for acute anterior cruciate ligament tear: five year outcome of randomised trial. BMJ (Clinical research ed.), 346, f232. https://doi.org/10.1136/bmj.f232
Giesche, F., Niederer, D., Banzer, W. & Vogt, L. (2020). Evidence for the effects of prehabilitation before ACL-reconstruction on return to sport-related and self-reported knee function: A systematic review. PLOS ONE, 15(10), e0240192. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7592749
Kim, D. K., Hwang, J. H. & Park, W. H. (2015). Effects of 4 weeks preoperative exercise on knee extensor strength after anterior cruciate ligament reconstruction. J. Phys. Ther. Sci., 27(9), 2693-2696. https://doi.org/10.1589/jpts.27.2693
Onobun, D. E., Orji, C., Ojo, E. O. & Adebisi, A. A. (2024). Exploring the Efficacy of Conservative Management Versus Surgical Intervention in Anterior Cruciate Ligament (ACL) Injuries: Insights Into Reinjury Rates, Quality of Life, and Long-Term Outcomes. Cureus, 16(11), e74718. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11682532