September 18, 2026

Wer zum Beispiel schon einmal auf einem Airex-Kissen oder einem Bosu-Ball gestanden hat, kennt das Gefühl. Der Untergrund wackelt, der Körper muss ständig gegensteuern, und man hat schnell das Gefühl, hier passiert gerade richtig viel. Genau dieses Gefühl führt aber oft zu einem Missverständnis.
Der Körper passt sich immer genau an den Reiz an, den er bekommt. Wer auf einem wackelnden Untergrund trainiert, wird vor allem darin besser, auf einem wackelnden Untergrund zu stehen. Das überträgt sich nicht automatisch auf andere Bewegungen, etwa einen sicheren Stand beim Gehen auf unebenem Boden oder eine schnelle Richtungsänderung beim Sport. Zittern und Wackeln allein sind also noch kein Beweis dafür, dass ein Training wirkungsvoll ist.
Balance beschreibt die Fähigkeit, den eigenen Körperschwerpunkt über der Fläche zu halten, auf der man steht, oder ihn gezielt zu verlagern, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Das gelingt im Stehen, im Gehen und in Bewegung.
Damit das funktioniert, arbeiten mehrere Systeme im Körper zusammen. Das Auge liefert Informationen über die Umgebung, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet Lageveränderungen des Kopfes, und Rezeptoren in Gelenken und Muskeln, die sogenannten Propriozeptoren, geben Rückmeldung darüber, wie die Gelenke gerade stehen. Wird eine Informationsquelle durch z.B. Airex-Kissen oder Bosu-Bälle gestört, so wird das Gehirn automatisch Informationen aus anderen Systemen, bspw. dem visuellen System, stärker gewichten. Durch instabile Untergründe haben wir daher nicht einfach nur “mehr Propriozeption” im gewünschten Bereich oder Gelenk. Der Körper versucht, die fehlenden Informationen vermehrt aus anderen Quellen zu beziehen.
Genau hier liegt der Haken für das klassische Krafttraining. Auf einer instabilen Unterlage muss ein Teil der verfügbaren Kraft dafür aufgewendet werden, das Gleichgewicht zu halten. Diese Kraft steht dann nicht mehr für die eigentliche Übung zur Verfügung.
Bei einer Kniebeuge auf einem Bosu-Ball sinkt dadurch häufig die Last, die tatsächlich bewegt werden kann, obwohl sich die Übung subjektiv anstrengender anfühlt. Bereits 2006 zeigten Behm und Anderson in einer Übersichtsarbeit, dass Instabilität die von außen messbare Kraft eines Muskels verringern kann (Behm & Anderson, 2006). Weitere Arbeiten zeigen außerdem, dass der menschliche Körper auf instabilen Untergründen weniger Kraft entwickeln kann, Muskelaktivitätslevel im Zielmuskel deutlich reduziert sind und lediglich die Rumpfmuskukaltur ein erhöhtes Aktivitätslevel aufzeigt (Behm, Anderson & Curnew, 2002; Behm, Colado & Colado, 2013). Wichtig dabei zu erwähnen ist außerdem, dass Aktivierung nicht zwangsläufig bedeutet, dass ein Muskel effektiver trainiert wird. Für den reinen Kraftaufbau ist Training auf instabilen Unterlagen wie Airex-Kissen oder Bosu-Bällen also in der Regel kein guter Ersatz für klassisches Krafttraining auf festem Untergrund.
Damit sind Airex-Kissen und Bosu-Bälle aber nicht automatisch nutzlos. Auch wenn ihre Stärke nicht im Kraftaufbau liegt, können sie z.B. in frühen Rehaphasen von Sprunggelenksveletzungen als sinnvolle Variation des Einbeinstands genutzt werden. Damit kann bereits früh in der Rehabilitation eine Progression in das Training eingebaut werden. Allerdings sollte diese Phase nicht zu lange gestaltet werden, da sie keinen sinnvollen Ersatz für dynamische und komplexere Aufgaben wie bspw. Krafttraining, Reach-Tasks, Step-Downs, kontrollierte Landungen oder reaktive Aufgaben darstellen.
Airex-Kissen oder Bosu-Bälle werden daher häufig in ihrem Nutzen überschätzt. Insbesondere in der Rehabilitation von Sprunggelenks- oder Knieverletzungen. Viel wichtiger sind hierbei Kriterien wie die Bewegungsqualität, die Kraft und Kraftentwicklungsraten, Bewegungskontrolle nach Sprüngen oder Landungen und das Training von sportartspezifischen Bewegungen, wie z.B. Richtungswechsel. Ein Training auf dem Airex-Kissen oder einem Bosu-Ball bildet diese Anforderungen nicht gut ab.
Nach einer Verletzung des Sprunggelenks ist die Fähigkeit des Gelenks, kleine Positionsänderungen wahrzunehmen und automatisch auszugleichen, häufig vermindert. In der Physiotherapie wird das Gleichgewichtstraining nach einer Sprunggelenksverletzung deshalb oft gezielt aufgebaut. Der Einbeinstand auf festem Boden bildet dabei meist den Ausgangspunkt. Sobald das sicher gelingt, kann der Einbeinstand auf einem Airex-Kissen oder einem Bosu-Ball die nächste Stufe darstellen. Die Unterlage liefert zusätzliche, kontrollierte Reize für die Wahrnehmung des Gelenks. In dieser Phase ist schweres Krafttraining aufgrund der Verletzung ohnehin meist noch nicht möglich, sodass sich instabile Unterlagen hier gut in den Behandlungsplan einfügen lassen. Sobald die Belastbarkeit zurückkehrt, verschiebt sich der Schwerpunkt dann zum klassischen Krafttraining.
Airex-Kissen und Bosu-Bälle sind weder reines Spielzeug noch ein Wundermittel. Für den klassischen Kraftaufbau sind sie in der Regel keine gute Wahl, weil ein Teil der Kraft für das Ausbalancieren verloren geht. Ihren berechtigten Platz haben sie dagegen in bestimmten Phasen der Rehabilitation, etwa beim gezielten Wiederaufbau der Propriozeption nach einer Sprunggelenksverletzung. Richtig eingeordnet können instabile Untergründe daher sinnvoll in das Training integriert werden, wobei ihre Wirkung nicht überschätzt werden sollte.